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Gelber Enzian

Der Gelbe Enzian zählt zu den bittersten der einheimischen Arzneipflanzen: Ein Gramm davon genügt, um 10 l Wasser bitter schmecken zu lassen. Enzian ist wirksam bei Verdauungsbeschwerden und gilt als hervorragendes Mittel zur Kräftigung des gesamten Organismus.

Wo kommt der Gelbe Enzian vor, und wie sieht er aus?

Der Gelbe Enzian wächst auf mageren Bergwiesen, auf Kalkböden und auf Urgestein der süd- und südosteuropäischen Gebirgsregionen. Er ist eine sehr ausdauernde Pflanze, die in den rauen Gebirgslagen bis zu 60 Jahre alt werden kann. Im Unterschied zu seinen viel kleineren blauen Verwandten erreicht er Wuchshöhen von bis zu 150 cm. Der kräftige Stiel treibt aus einer Blattrosette aus. Die grau- bis blaugrünen, glatten Laubblätter sind gegenständig am Stiel angeordnet. Die Blätter sind bis zu 30 cm lang und 15 cm breit.

Der Gelbe Enzian blüht erst im Alter von 10 Jahren, die Blütezeit dauert von Juni bis August. Die goldgelben, trichterförmigen Blüten bilden sich doldenartig aus den Blattachseln und stehen in bis zu sechs Etagen übereinander. Nach der Blüte bildet die Pflanze Blütenkapseln, in denen die Samen reifen. Die Samen sind geflügelt und werden vom Wind verstreut.

Den Winter überdauert der Gelbe Enzian mithilfe seines starken Wurzelstocks, der ungefähr so dick wie ein Unterarm werden kann. Die Hauptwurzel hat bei älteren Pflanzen bis zu 5 cm Durchmesser und kann einen Meter lang werden.

Wie auch andere Enzian-Arten wurde der Gelbe Enzian früher sehr häufig zur Herstellung von „Enzian“(-Schnaps) verwendet, wodurch der Bestand stark zurückgegangen ist. Heute steht er unter Naturschutz und darf nicht mehr gesammelt werden. Zudem kam es immer wieder zur Verwechslung mit dem hochgiftigen Weißen Germer (Veratrum album), der dem Gelben Enzian im nicht blühenden Zustand sehr ähnlich sieht und an den selben Standorten wächst. Für die Verwendung als Arzneipflanze wird Gelber Enzian heute kultiviert.

Wie wird Gelber Enzian in der Phytotherapie verwendet?

Seit der Zeit der römischen Kaiser ist Enzianwurzel als Bittermittel bekannt. Sie galt als reinigendes, kranke Säfte verzehrendes Mittel gegen Fieber, Gicht und sogar die Pest. Der gallebittere Geschmack brachte dem Gelben Enzian große Popularität ein, denn bittere Medizin wurde als besonders wirksam angesehen.

Heute wird vor allem die Wirksamkeit des Enzians auf die Verdauung hervorgehoben. Genauso wird Enzianwurzel aber auch bei Muskelschwäche oder nach Erkrankungen als stärkendes Tonikum und als Schleimlöser bei Atemwegserkrankungen eingesetzt. Enzianwurzelextrakte haben zudem immunmodulierende und antientzündliche Eigenschaften.

Zur Anwendung kommt die getrocknete, zerkleinerte Wurzel, die im Frühjahr gesammelt wird. Ihr Geruch erinnert an getrocknete Feigen, ihr Geschmack ist anfangs ein wenig süßlich, aber sehr schnell extrem und anhaltend bitter. Aus der Wurzel werden Tee, Kaltauszüge, Tinkturen oder Tropfen hergestellt.

Welche Inhaltsstoffe machen den Enzian wirksam?

Die Enzianwurzel gehört zu den reinen Bittermitteln und enthält kaum Gerbstoffe. Für den bitteren Geschmack ist vor allem die Substanz Amarogentin verantwortlich. Dieser Stoff hat in Reinform einen Bitterwert von 58 Millionen, das bedeutet, dass ein Gramm davon ca. 58.000 Liter Wasser einen bitteren Geschmack verleihen kann. Der Gehalt an Bitterstoffen ist von der Jahreszeit abhängig, in der die Wurzel geerntet wird, und von der Höhenlage, in der die Pflanze wächst.

Bitterstoffe regen die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge an und bewirken durch einen Reflex die vermehrte Bildung von Speichel. Im Magen fördern Bitterstoffe eine vermehrte Bildung des Verdauungshormons Gastrin, das die Produktion von Magen- und Gallensaft steigert und die Bauchspeicheldrüse anregt. Die verstärkte Bildung von Verdauungssäften wirkt appetitsteigernd und verdauungsfördernd. Außerdem kann Enzian die Darmperistaltik (die wellenförmigen Darmbewegungen, die für den Weitertransport des Futterbreis sorgen) verbessern.

Die Wurzel enthält vergärbare Kohlehydrate, Glukose sowie Fruktose und ist daher für die Herstellung von hochprozentigem Alkohol geeignet. Das Destillat enthält zwar noch die ätherischen Öle des Enzians, die Bitterstoffe gehen aber verloren.

Bei welchen Beschwerden des Pferdes kann Enzian eingesetzt werden?

Enzian wirkt sich sehr positiv bei Appetitlosigkeit von Pferden aus und trägt damit zur schnelleren Regeneration nach Erkrankungen bei.

Tipp: Wenn Enzian gegen Appetitlosigkeit eingesetzt wird, soll er ca. eine halbe Stunde vor der Mahlzeit verabreicht werden. 

Als verdauungsanregendes und reinigendes Mittel stärken Enzianextrakte die Funktion der Leber und fördern ein starkes Immunsystem. Weil Enzian kaum Gerbstoffe enthält, ist er auch für Pferde mit empfindlichem Magen geeignet.

Als kräftigendes Mittel sind Enzianextrakte wirksam bei Muskelschwäche.

Unerwünschte Wirkungen:

Die enthaltenen Bitterstoffe können bei Überdosierung oder zu langer Anwendung die Entstehung von Gastritis begünstigen. Bei Fütterung von Enzianzubereitungen immer die Angaben des Herstellers beachten! An Pferde, die an Magen-Darm-Geschwüren oder Gastritis leiden, sollten Enzianpräparate nicht verfüttert werden!


Quellen

  • Brendieck-Worm, C., & Melzig, M. F. (2018). Phytotherapie in der Tiermedizin. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.
  • Heilpflanzenwissen. (2021). Von Gelber Enzian: http://heilpflanzenwissen.at/pflanzen/gelber-enzian/ abgerufen
  • Reichling, J., Gachnian-Mirtscheva, R., Frater-Schröder, M., Di Carlo, A., & Widmaier, W. (2008). Heilpflanzenkunde für die Veterinärpraxis. Berlin-Heidelberg: Springer Medizin Verlag.